WiFo-News - Norbert Blüm als Gastredner 2016

„Ich habe noch nie gesehen, dass Geld arbeitet“, war so ein Kernsatz von Norbert Blüm. Er sagte ihn bei seinem Vortrag vor 220 Mitgliedern des Wirtschaftsforums in der Verbandsgemeinde Rengsdorf am 10. März 2016.


Was der prominente Politiker damit sagen wollte, formulierte er mit klaren Worten so: „Ich verurteile die Arroganz des Geldes und die Demütigung der Arbeit!“ „Zukunft der Arbeit - Wert der Arbeit – Regiert Geld die Welt?“ war das Thema der diesjährigen Zusammenkunft der überwiegend unternehmerisch tätigen Mitglieder des Wirtschaftsforums.

In jedem Jahr spricht ein prominenter Redner bei dieser Veranstaltung. Frühere geladene Gäste waren der Fernsehjournalist Franz Alt oder die Unternehmer Claus Hipp, Reinhold Würth und Wolfgang Grupp.

Macht des Geldes

Norbert Blüm ist wahrscheinlich der sozialdemokratischste unter allen CDU-Politikern. Wenn er über Geld spricht, dann spricht er auch über Moral. Auf CDU-Veranstaltungen wurde er dafür auch schon ausgepfiffen. Nicht so im Kultur- und Jugendzentrum Oberhonnefeld-Gierend. Hier wurden seine griffigen und kritischen Beschreibungen der Macht des Geldes - teilweise in derben Worten formuliert - amüsiert mit Lachen und Applaus belohnt. Blüm verurteilte die gängige Praxis, dass an der Börse über Aktien Geld in Unternehmen fließt, denen kein entsprechender Gegenwert gegenübersteht.

Er nannte als Beispiel die Übernahme des traditionsreichen Mannesmann-Konzerns durch die britische Vodafone-Gesellschaft. Hier würden grundlegende Prinzipien auf den Kopf gestellt. Blüm: „Das endet darin, dass nicht der Käufer seinen Kauf bezahlt, sondern der Verkäufer dem Käufer das Geschäft finanziert!“ Unverständnis äußerte Blüm auch für Erfolgsmeldungen wie die von Porsche, dass der Konzern in einem Jahr drei Milliarden Euro mehr Gewinn als Umsatz erwirtschaftet hat. Da müssen schon Finanzierungskünstler am Werk gewesen sein! Norbert Blüm findet es nicht in Ordnung, wenn für Firmen „die Geschäfte an der Börse wichtiger sind als die wertschaffende Arbeit!“

Nie wurde seine Rede langatmig. Der aus Bonn angereiste Ruheständler beschrieb, wie er auf einem Schiff in den Hafen der Steueroase Cayman-Islands einlief. In einem mittelgroßen dreistöckigen Gebäude hatten 1.500 Firmen ihren Sitz. Blüm: „Alles Briefkastenfirmen!“ Wenn Firmen auf billig gekaufte Produkte nur noch ihre Labels klebten, wenn bei Opel Deutschland in 20 Jahren 15 Vorstandsvorsitzende ausgetauscht würden – dann sei das keine nachhaltige Wirtschaft mehr, sondern nur noch Zeichen hastiger Profitgier. Blüm forderte in die Runde der Unternehmer: „Arbeiter müssen stolz sein können auf das, was sie herstellen!“ Wenn sie nur noch Verschiebemasse im Monopoly des Firmenverramschens sind, dann habe dieses System keine Zukunft mehr.


Der mittlerweile 80 Jahre alte Blüm spricht viel aus eigener Erfahrung. In seinen 14 Jahren als Werkzeugmacher bei Opel habe er „Ausdauer“ gelernt. „Ohne diese Schule hätte ich die CDU nicht überlebt“, baut der gewitzte Redner einen Scherz in seinen Vortrag ein.

„Es fehlt an Durchhaltevermögen“

Um gleich im Anschluss wieder seine ernste Analyse der heutigen Gesellschaft fortzusetzen: „Es fehlt an Durchhaltevermögen. Viele Menschen geben viel zu schnell auf!“ Eine Gesellschaft sei zum Scheitern verurteilt, in der jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Das sei wie im Fußballstadion: „Wenn einer aufsteht, sieht er besser. Wenn dann alle aufstehen, könnten auch gleich alle sitzenbleiben!“
Der Christdemokrat spannt den Bogen weiter: „Es gibt nur Ruhe auf der Welt, wenn Arbeit sich lohnt und jeder Mensch von seiner Hände Arbeit leben kann. Die ganze Welt ein Heer von Schnäppchenjägern – das kann nicht das Modell der Zukunft sein!“ In der Dienstleistung sieht Blüm viel Potenzial. Die Rolle des Geldes soll zurückgeführt werden auf das, was Geld einmal war: ein Diener, nicht ein Beherrscher der Menschheit.

Thema Flüchtlinge

Am nächsten Tag will er nach Griechenland reisen, um sich die Situation an den Grenzen anzusehen, verkündete Blüm. Damit war er beim Flüchtlingsthema. Ein Zurück in den Nationalstaat könne es nicht mehr geben. Europa sei die Lösung, nicht Grenzen: „Die großen Probleme lassen sich national nicht mehr lösen!“ Fast schon wütend wurde der „Elder Statesman“, als er das Verhalten der – nur auf ihren Vorteil bedachten – EU-Regierungschefs beschrieb: „Es kann doch nicht sein, dass die Briten um Kürzungen für Sozialleistungen zugereister EU-Bürger feilschen, während im Mittelmeer die Flüchtlinge ertrinken!“
Jeden Tag würden auf der Welt 30.000 Kinder „verrecken, weil sie nichts zu fressen haben“ – für seine derbe Sprache bat Blüm um Verständnis: „Erschrecken Sie nicht über meine Worte, erschrecken Sie über die Tatsachen, was ich gesagt habe.“

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Im Anschluss an den Vortrag hatten die Zuhörer Gelegenheit Fragen zu stellen. Ob er für das bedingungslose Grundeinkommen sei, wurde Norbert Blüm gefragt („Nein!“), wie er zur Situation der Krankenkassenbeiträge stehe („Die Kassen müssen nicht jede Luxusbehandlung bezahlen!“) und wie weit er sei mit seiner Initiative zum Boykott der Fußball-WM 2022 in Katar („Leider noch nicht weit genug!“).
Auch bei diesem Thema kam Blüm wieder auf die Kernaussage seines Vortrags: „Das Geld macht vieles kaputt, auch den Fußball!“ Ein Unternehmer vermisste im Vortrag lobende Worte für die Wertschätzung, die heimische Familien- und Mittelstandsunternehmen ihren Beschäftigten entgegenbringen. Der Redner entschuldigte sich und erklärte, seine Kritik ziele hauptsächlich auf die profitorientierten „Global Player“. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen sind für Norbert Blüm der einzige Hoffnungsträger: „Die Reform der Wirtschaftsmoral kann nur über das Vorbild der mittelständischen und familiengeführten Unternehmen funktionieren!“

Holger Kern, Krupp-Verlag

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